Über uns
Wir freuen uns immer über neue Gesichter.
Verein Klinge hoch drei
Vorstand: Claudia Stursberg, Michael Ludwig, Annemieke Lauber
Auch wenn das ehemalige Armenhaus leider abgerissen wurde, überlassen wir das Ortsbild von unserem Bad Boll nicht einfach dem Schicksal.
Wir arbeiten weiter als Kulturverein. Mit derzeit etwa 40 Mitgliedern erforschen wir die Geschichte unseres schönen Ortes, verfolgen wach die Pläne der Gemeinde, bemühen uns um das Ortsarchiv und planen Veranstaltungen.
Archiv
Vortrag 08.09.2026
Geschichtsreich und wertlos? Das Armenhaus in Bad Boll - Zur Baugeschichte eines verlorenen Kulturguts
Zu diesem Thema wussten Dr. Reinhard Rademacher, ehemaliger Kreisarchäologe und Tilmann Marstaller, renommierter und erfahrener Bauforscher den 60 interessierten Bürgerinnen und Bürgern spannende Einblicke in die Bad Boller Baugeschichte zu bieten. Eingeladen hatten der Verein „Geschichte erhalten – Zukunft gestalten, Klinge 3“ und der Göppinger Geschichts- und Altertumsverein, dessen stellvertretender Vorsitzender Herr Rademacher ist.
Reinhard Rademacher blickte zunächst auf die Auseinandersetzung um den Erhalt des inzwischen abgerissenen Seldner-Hauses Klinge 3 in Bad Boll zurück. Leider sei es vielfach so, dass Gebäude, die nicht in der offiziellen Denkmalschutzliste inventarisiert sind, trotz kulturgeschichtlicher Bedeutung, viel zu wenig Beachtung finden. Allerdings habe er während seiner langen Tätigkeit einen vergleichbaren Umgang wie in Bad Boll noch nicht erlebt, wo es sowohl ein differenziertes Gutachten als auch eine engagierte Initiative gab, die sich um den Erhalt bemüht hatte. Es sind auf den ersten Blick oft „Steine, die nichts aussagen“, die bei näherer Spurensuche manche Überraschungen bieten. So seien sie bei ihren Grabungen vor dem Gebäude auf Pfostengruben aus karolingischer Zeit und Keramiken aus dem Mittelalter gestoßen. Der Kreisarchäologie ist es stets wichtig im Vorfeld wertvolle zeitgeschichtliche Elemente zu sichern. Rademacher zeigte neben anderen Beispielen aus der Gegend auch Teile der bewahrten beeindruckenden Stuckdecken aus dem ehemaligen Hotel Apostel in Göppingen. Für die Zukunft würde er sich wünschen, dass man von Gemeindeseite der bauhistorischen Spurensuche gegenüber offener sei.
Tilmann Marstaller, der die bauhistorische Untersuchung am Seldnerhaus Klinge 3 durchgeführt hat und früher auch schon in der Stiftskirche tätig war, startete mit einem Blick auf das Kataster der Gemeinde Bad Boll von 1828 und definierte die Bauphasen des Seldnerhauses in die Zeit von 1830 und 1842. Dank präziser dendrochronologischer Untersuchungen konnte das Alter der verwendeten Balken genau bestimmt werden. Es handelt sich bei dem „saftfrisch“ verarbeiteten Holz eindeutig um Flößerholz, was darauf hinweist, dass auch im Voralbgebiet zu dieser Zeit Bauholzmangel aufgrund vorhergehender Abholzungen herrschte. Auf welchem Weg die Fichtenhölzer dann von der Donau nach Boll kamen, bleibt noch offen und interessiert nun die Wissenschaft zur Waldgeschichte. Ausführlich wurde dargestellt, wie aus dem ursprünglichen Doppelhaus mit Flurküche der für diese Seldnerhäuser typische Grundriss entstand, dazu ein Anbau, der nicht als Stall genutzt wurde. Mit einer Wärmebildkamera ließ sich auch das für die Zeit übliche Fachwerk erkennen, das an vielen Stellen unter Putz gelegt wurde. Besonders waren auch die 3 vorhandenen Öfen, einer möglicherweise zum Dörren genutzt. Viele Details des Hauses sind noch sehr nah an mittelalterlichen Wohnformen. Auch Herr Marstaller machte darauf aufmerksam, dass der Katalog der Denkmalpflege zu dieser Zeit längst abgeschlossen sei, was die kulturhistorische Bedeutung dieser Armenhäuser in keiner Weise schmälert. Es sei sehr bedauerlich, dass dieses Haus nun abgebrochen worden sei, vielleicht sei es ein „Märtyrer“ gewesen, der das Bewusstsein geschärft hat, von Gemeindeseite besonders verantwortlich mit der noch vorhandenen alten Bausubstanz umzugehen. Genau da will sich der Verein weiter einbringen mit Ortsführungen und Veranstaltungen, ein erstes Erzähl-Café zum sozialen Leben in Bad Boll in der Nachkriegszeit stieß bereits auf großes Interesse.
Erzählcafé 28.04.2026
Im ersten "Erzählcafé" von Klinge hoch drei, das im Seminarhaus vom Spurwechsel stattfand, wurde deutlich, wie lebendig Erinnerungen werden können, wenn man ihnen Raum gibt. Rund 30 Besucher*innen kamen zusammen, um zuzuhören, was drei Menschen aus Bad Boll vorbereitet hatten und zu erzählen wussten.
Bei Kaffee und leckerem Kuchen entstanden Gespräche, taten sich wie auf einer Zeitreise persönliche Einblicke auf. Geschichten wurden geteilt, Erinnerungen wachgerufen, das frühere Boll wurde lebendig.
Für viele war es ein Anlass, wieder einmal zusammenzukommen. Und bei dem einen Mal soll es nicht bleiben: Ein zweites Erzählcafé wird am 17. November 2026 stattfinden.
